Wir alle kennen schlechte Tage. Aber eine Depression ist weit mehr als nur „schlechte Laune“ oder vorübergehende Traurigkeit. Sie ist eine schwere Erkrankung, die den Antrieb raubt, den Schlaf stört und wie ein grauer Schleier das Leben trübt.
Die klassische Antwort der Medizin? Antidepressiva und Psychotherapie. Das hilft vielen, aber eben nicht allen. Etwa 40 % der Betroffenen sprechen nicht auf Medikamente an. Die Nebenwirkungen von Medikamenten sind oft eine zusätzliche Belastung. Darum hat sich die Neurowissenschaft mit Alternativen auseinandergesetzt, ganz besonders mit der Frage: Wirkt Neurofeedback bei Depression? (EEG-Neurofeedback)
Was ist Neurofeedback eigentlich?
Stellen Sie sich vor, Sie können Ihrem Gehirn beim Arbeiten zusehen – und zwar in Echtzeit. Genau das passiert beim Neurofeedback.
Über Sensoren am Kopf (keine Sorge, es fließt kein Strom ins Gehirn!) werden Ihre Gehirnströme gemessen und auf einen Monitor übertragen. Sie können also genau verfolgen, was Ihr Gehirn macht. Damit Sie lernen können Ihre Gehirnaktivität zu beeinflussen werden beim Neurofeedback Musik oder Videos verwendet. Die Musik ist nur hörbar, wenn das Gehirn richtig arbeitet, auch die Videos sind nur dann sichtbar, wenn das Gehirn richtig arbeitet. Ist die Gehirnaktivität falsch und das Gehirn produziert z. B. eine Depression, halten Musik und Video sofort an. So lernt Ihr Gehirn durch Belohnung richtig zu arbeiten und unterlässt falsche Aktivitätsmuster.

Sensoren am Kopf des Patienten machen die Gehirnstromaktivitäten als EEG sichtbar. EEG bedeutet Elektroenzephalographie. (Getty Images)
Das Prinzip: Belohnung macht den Meister!
Warum funktioniert Neurofeedback? Die Antwort lautet: operante Konditionierung (eine wissenschaftliche Methode). Es ist im Grunde dasselbe Prinzip mit dem man einem Hund Kunststücke beibringt: Gewünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes Verhalten wird ignoriert. Jedes Gehirn ist von Natur aus auf Belohnung aus. Es will die Musik hören oder das Video sehen. Darum versucht es richtig zu arbeiten und verlernt dabei die falschen Aktivitäten bis es mit der Zeit die gesunden Aktivitäten auch im Alltag beibehält (wiederholt).
Depression loswerden
Bei vielen Menschen mit Depression lässt sich eine sogenannte frontale Alpha-Asymmetrie feststellen. Vereinfacht gesagt: Die linke vordere Gehirnhälfte (zuständig für positive Gefühle und Motivation) arbeitet nicht richtig. Sie arbeitet zu langsam, während die rechte vordere Gehirnhälfte (zuständig für Rückzug und Ängste) zu schnell arbeitet und sich durchsetzt.
Mit speziellen Neurofeedback-Trainingsprotokollen wie dem ALAY-Protokoll wird gezielt die linke vordere Gehirnhälfte beschleunigt.

Eine visuelle Darstellung der Gehirnstromaktivitäten, gemessen mittels Elektroenzephalogramms (EEG) in den Frequenzbereichen Beta, Alpha, Delta, und Gamma. Gehirnströme sind die kollektive elektrische Aktivität der Neuronen im Gehirn. Gehirnstromaktivitäten haben unterschiedliche Frequenzen, Amplituden und Power. Sie treten während unterschiedlicher Bewusstseinszustände, wie z. B. mentalen Aktivitäten, im Schlaf und bei Emotionen auf. (Getty Images)
Was ist das ALAY-Protokoll?
Das ALAY-Protokoll ist ein Neurofeedback-Protokoll, das umfassend erforscht wurde und bei Depression wirksam ist.
Um das ALAY-Protokoll zu verstehen, muss man wissen, wie das Gehirn arbeiten sollte, besonders wie die Frontallappen arbeiten sollten.
Im Gehirn haben die Frontallappen Zuständigkeiten:
- links (frontal): zuständig für „Annäherung“, positive Emotionen, Motivation und Tatendrang
- rechts (frontal): zuständig für „Rückzug“, Angst, Vorsicht und die Verarbeitung negativer Emotionen
Bei Depression zeigt das EEG häufig, dass die frontale Alpha-Aktivität der linken Gehirnhälfte im Verhältnis zur frontalen Alpha-Aktivität der rechten Gehirnhälfte zu hoch ist. Dieses Ungleichgewicht in den Frontallappen führt zu depressiven Stimmungslagen.
Was bewirkt das ALAY-Protokoll?
Das ALAY-Protokoll wird oft mit den Forschern Rosenfeld und Baehr in Verbindung gebracht, die dieses Neurofeedback-Protokoll erforscht haben, um die Alpha-Aktivität der linken und rechten frontalen Gehirnhälften bei Depression zur regulieren.
- Gehirnpositionen: F3 und F4
Beim ALAY-Neurofeedback-Training werden Elektroden an bestimmten Stellen platziert: F3 (links an der Stirn) und F4 (rechts an der Stirn) direkt über dem sogenannten präfrontalen Kortex, der auch für die Emotionsregelung zuständig ist.
- Therapieziel des ALAY-Neurofeedback-Protokolls
Ziel ist, das Verhältnis der Alpha-Aktivitäten zwischen den Gehirnpositionen F3 und F4 in ein richtiges Verhältnis zu bringen:
- die linksfrontale Alpha-Aktivität (F3) sollte reduziert werden
- die rechtsfrontale Alpha-Aktivität (F4) sollte höher sein, als die linksfrontal (F3) Alpha-Aktivität
Kann dieses Verhältnis zwischen den frontalen Gehirnhälften hergestellt werden, ist davon auszugehen, dass sich die Depression legt.
Warum ist das ALAY-Protokoll effektiv?
Wissenschaftlich gesehen ist das ALAY-Neurofeedback-Protokoll deshalb so spannend, weil es direkt an der biologischen Disposition ansetzt.
- 80%-Quote: Studien (wie von Hammond oder Baehr) zeigen, dass etwa 80 % der Patienten positiv darauf ansprechen.
- Nachhaltigkeit statt Symptombehandlung: Bei medikamentösen Behandlungen legen sich zwar manchmal die Symptome, aber die frontale Alpha-Asymmetrie im Gehirn bleibt häufig bestehen. Das ist einer der Gründe von Rückfällen. Das ALAY-Protokoll hingegen „programmiert“ das Gehirn um, sodass die frontale Alpha-Asymmetrie auch nach Ende der Therapie stabil bleibt.
- weitere positive Effekte: Das ALAY-Neurofeedback-Protokoll wirkt stimmungsaufhellend, richtet sich gegen „Grübeln“ (Rumination) und verbessert die Konzentrationsfähigkeit.
Was macht EEG Neurofeedback bei Depressionen so besonders?
- keine Chemie, keine Medikamente: Neurofeedback ist nicht-invasiv und kommt ohne die typischen Nebenwirkungen von Medikamenten aus.
- Nachhaltigkeit: Während Medikamente oft nur Symptome unterdrücken, trainiert Neurofeedback die Selbstregulation des Gehirns. Die durch Neurofeedback herbeigeführten Veränderungen der Gehirnstromaktivitäten sind mittels EEG messbar.
- Hilfe bei Medikamentenresistenz: Studien zeigen, dass Neurofeedback selbst dann Erfolge erzielt, wenn Medikamente versagen.
wichtig zu wissen: Neurofeedback wirkt nicht sofort. Es braucht Geduld (meist ca. 20 Therapieeinheiten) und kann zusätzlich zu medikamentösen Therapien eingesetzt werden, um unter ärztlicher Begleitung Medikamente auszuschleichen. Eine Neurofeedback-Therapie sollte individuell für jeden Betroffenen maßgeschneidert werden.
Die Kontrolle zurückgewinnen
Das Beeindruckendste an der Behandlung von Depressionen mittels Neurofeedback ist das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Patienten sind nicht mehr nur passive Empfänger von verordneten Medikamenten, sondern lernen aktiv, ihr Gehirn zu beeinflussen und zu regulieren. Neurofeedback ist eine Neurotherapie mit Hilfe von „Brain-Training“ mit dem Ziel, die Lebensfreude Schritt für Schritt zurückzuerobern.
Quellen
Unsere Mitarbeiterin Sophie Dublenka hat eine Wissenschaftliche Arbeit zum Thema Neurofeedback bei Depressionen geschrieben.
EEG-Neurofeedback als operantes Therapieverfahren in der Behandlung depressiver Störungen
