Neurofeedback und Gehirnstimulation bei Angst und Depression

Sep 23, 2020

Bei Depres­si­on und Angst­stö­run­gen zeigt sich oft ver­rin­ger­te neu­ro­na­le Akti­vi­tät der lin­ken Gehirn­hälf­te, im dor­so­la­te­ra­len prä­fron­ta­len Kor­tex. Kon­kret beob­ach­tet man ver­rin­ger­te Akti­vi­tät der Beta­wel­len (schnel­le Gehirn­strom­ak­ti­vi­tät), bei gleich­zei­tig zu hoher Alpha- Akti­vi­tät (lang­sa­me­re Gehirn­strom­ak­ti­vi­tät). Die­se Unte­r­erre­gung führt zu anhal­ten­der depres­si­ver Stim­mung und ver­hin­dert die Angst­be­wäl­ti­gung. Besteht die­ser Zustand über län­ge­re Zeit, über­nimmt das Gehirn die­sen als Stan­dard­mo­dus und fin­det ohne the­ra­peu­ti­sche Inter­ven­ti­on nicht mehr in die ursprüng­li­che Arbeits­wei­se zurück. Durch Neurofeedback und trans­kra­ni­elle Gleich­strom­sti­mu­la­ti­on (tDCS) kann die Funk­ti­ons­wei­se des Gehirns wie­der­her­ge­stellt wer­den- nach­hal­tig, schmerz­frei und ohne Medi­ka­men­te.

Beim Neurofeedback-Fre­quenz­band­trai­ning erler­nen Pati­en­tIn­nen, in den betrof­fe­nen Gehirn­re­gio­nen aktiv jene Gehirn­ak­ti­vi­tä­ten zu sti­mu­lie­ren, die Stö­run­gen auf­wei­sen. Kon­kret heißt dies bei Angst und Depres­si­on oft, Beta­ak­ti­vi­tät in der lin­ken Hemi­sphä­re zu erhö­hen, und gleich­zei­tig die Alpha­wel­len zu sen­ken. Die Gehirn­strö­me wer­den mit­tels EEG sicht­bar gemacht und das gewünsch­te Ver­hält­nis der Gehirn­ak­ti­vi­tä­ten durch ope­ran­te Kon­di­tio­nie­rung trai­niert. Ziel der The­ra­pie ist es, auch ohne medi­zin­tech­ni­sche Gerä­te und Feed­back die rich­ti­gen Hirn­strö­me in den rich­ti­gen Area­len pro­du­zie­ren zu kön­nen.

Die Gleich­strom­sti­mu­la­ti­on hin­ge­gen beein­flusst den elek­tro­che­mi­schen Pro­zess der Gehirn­zel­len durch elek­tri­sche Impul­se und akti­viert oder hemmt gezielt jene Gehirn­re­gio­nen, die unte­r­erregt oder übererregt sind. Wie bei der Neu­ro­feed­back­the­ra­pie wird bei Depres­si­on und Angst­stö­run­gen die fron­ta­le lin­ke Gehirn­hälf­te sti­mu­liert. Aller­dings nicht durch Training, das zur Selbst­re­gu­la­ti­on führt, son­dern mit­tels Gleich­strom. Dabei wird gezielt die Kom­mu­ni­ka­ti­on der Gehirn­zel­len, also der Neu­ro­nen, beein­flusst. Gehirn­area­le wer­den durch Gleich­strom sti­mu­liert, indem sie erregt oder gehemmt wer­den.

Was passiert bei einer Gehirnstimulation?

Bei der soge­nann­ten trans­kra­ni­el­len Gleich­strom­sti­mu­la­ti­on wer­den zwei Elek­tro­den an bestimm­ten Berei­chen des Kop­fes, die zuvor mit Koch­salz­lö­sung befeuch­tet wer­den, ange­bracht. Stirn­band, klei­ne Gum­mi­bän­der oder Hau­be fixie­ren die Son­den. Zu Beginn der Behand­lung kann ein leich­tes Krib­beln spür­bar wer­den, das sich aber rasch wie­der legt. Die Behand­lungs­zeit liegt zwi­schen 20 und 30 Minu­ten. Bereits nach weni­gen Sti­mu­la­tio­nen ist eine Ver­bes­se­rung der Stim­mungs­la­ge zu erwar­ten. Wie­der­hol­te Sti­mu­la­tio­nen (10 bis 15) füh­ren zur deut­li­chen Ver­bes­se­rung der Sym­pto­me (sie­he Stu­di­en), die anti­de­pres­si­ve Wir­kung tritt meis­tens nach etwa 2–3 Wochen ein. Eben­so wie bei Biofeedback und Neurofeedback, sind bei der trans­kra­ni­el­len Gleich­strom­sti­mu­la­ti­on bei ord­nungs­ge­mä­ßer Durch­füh­rung durch erfah­re­ne The­ra­peu­tIn­nen kei­ne Risi­ken und Neben­wir­kun­gen bekannt.

Wann werden Neurofeedback-Frequenzbandtraining und transkranielle Gleichstromstimulation eingesetzt?

Wie oben beschrie­ben ver­fol­gen bei­de Metho­den grund­sätz­lich das­sel­be Ziel, und wir­ken über ähn­li­che Pfa­de. Der wesent­li­che Unter­schied liegt dar­in, dass beim Neurofeedback-Fre­quenz­band­trai­ning aktiv und bewusst eine Fähig­keit trai­niert wird, wäh­rend die trans­kra­ni­elle Gleich­strom­sti­mu­la­ti­on die Ziel-Gehirn­re­gio­nen ohne Zutun der Pati­en­tIn­nen erregt.

Bei­de Metho­den kön­nen sowohl ein­zeln, als auch in Kom­bi­na­ti­on ein­ge­setzt wer­den. Die Wahl zwi­schen einer der The­ra­pie­for­men in Ein­zel­an­wen­dung, oder der Kom­bi­na­ti­ons­the­ra­pie, hängt von ver­schie­de­nen Fak­to­ren ab. Vie­le Psy­cho­phar­ma­ka neh­men, zum Bei­spiel, star­ken Ein­fluss auf die Gehirn­strö­me und erschwe­ren so, vor allem zu Beginn, ein klas­si­sches Fre­quenz­band­trai­ning. Bestehen die Sym­pto­me schon sehr lan­ge, kann es eben­falls schwer­fal­len, bezie­hungs­wei­se län­ger dau­ern, die gewünsch­ten Gehirn­ak­ti­vi­tä­ten aus­rei­chend zu pro­du­zie­ren. In bei­den Fäl­len beschleu­nigt und unter­stützt die tCDS die The­ra­pie, indem sie „ein­ge­schla­fe­ne“ Hirn­area­le „auf­weckt“, und so bereit für das wei­te­re Training macht.

Gleich­zei­tig schät­zen jedoch vie­le Pati­en­tIn­nen den akti­ve­ren Cha­rak­ter des Fre­quenz­band­trai­nings. Anstatt pas­siv durch Medi­ka­men­te oder ande­re The­ra­pien beein­flusst zu wer­den, haben sie hier das Training selbst in der Hand, und kön­nen in Echt­zeit beob­ach­ten, wie sie selbst Ein­fluss auf ihre Gehirn­strö­me neh­men. Dies führt zu mehr Opti­mis­mus und gestei­ger­ter Wahr­neh­mung von Selbst­wirk­sam­keit.

Jede der oben beschrie­be­nen Optio­nen wird in den aller­meis­ten Fäl­len zu einer raschen und nach­hal­ti­gen Ver­bes­se­rung der Fehl­funk­tio­nen und Beschwer­den füh­ren. Die Aus­wahl wird im Rah­men der Trai­nings- und The­ra­pie­pla­ner­stel­lung von Pati­en­tIn­nen und The­ra­peu­tIn­nen gemein­sam getrof­fen.

Fazit

Neurofeedback und trans­kra­ni­elle Gehirn­sti­mu­la­ti­on (tDCS) bie­ten moder­ne, wis­sen­schaft­li­che The­ra­pie­mög­lich­kei­ten, die als Alter­na­ti­ve oder unter­stüt­zend zu medi­ka­men­tö­sen und psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Stan­dard­the­ra­pien ein­ge­setzt wer­den kön­nen, wenn tra­di­tio­nel­le The­ra­pien an ihre Gren­zen sto­ßen, medi­ka­men­tö­se The­ra­pien nicht mög­lich oder erwünscht sind.

Eine Stu­die zu Neurofeedback und Gehirn­sti­mu­la­ti­on gibt es hier zum Her­un­ter­la­den